Der reaktive Verstand

Die Handlungen des analytischen Verstands sind veränderlich und flexibel. Der reaktive Verstand hingegen, wie der Begriff schon verrät, reagiert. Seine Vorgänge sind Hemmung oder Zwang pur.

Der Mensch erträgt einiges an Kummer, Schock, Schmerz und Leid. Übersteigt dies aber das Maß an Belastung und Stress, den das Individuum ertragen kann, schaltet sich der analytische Verstand zu einem gewissen Grade ab. An diesem Punkt nun kommt der reaktive Verstand ins Spiel. Genauso wie der analytische Verstand zeichnet er in einem Moment von vermindertem Bewusstsein sämtliche Wahrnehmungen und Umstände auf. Er ordnet diese fatalerweise in eine für ihn logische Kette von ähnlichen Geschehnissen ein. Sein Prinzip lautet hierbei auch «Überleben», allerdings in der Gestalt, dass er das Individuum durch die Gleichsetzung ähnlicher Geschehnisse vor ähnlichen Folgen bewahren will. Das war in der Zeit, als wir Höhlen bewohnten mehr als sinnvoll, um nicht gefressen zu werden. In ein unserer komplexen Welt ist das natürlich ein tragischer Fehler, denn wir sind nicht mehr hauptsächlich damit beschäftigt, Lebensbedrohungen auszuweichen.

Juniorchef Herr Meier ist nicht so wie sein Vater, auch wenn er ihmn ähnlich sieht. Es ist nicht von Vorteil, vor Herrn Meier junior zu kuschen, damit man wie früher den Schlägen des Vaters entgehen konnte. Denn Meier junior setzt auf Dialog. Doch der reaktive Verstand versucht, weiteres Leid zu vermeiden und schaltet die Alarmlampen im Verstand an: Vorsicht, eine ähnliche Situation wie damals, als...

Für den reaktiven Verstand existiert keine Zeit, es existieren für ihn nur Ähnlichkeiten zu früheren traumatischen Situationen oder Momenten, in denen die Person von körperlichem oder geistigem Schmerz überwältigt wurde und ihr Überleben mehr oder weniger stark bedroht war.
Geschehnisse, die frühere, ernsthafte Geschehnisse restimulieren (wachrufen), können also die Person beeinflussen: alte Gefühle und Glaubenssätze werden angetriggert (angestoßen), sie überlagern dabei die Gegenwart und lassen keine vernünftigen Schlüsse mehr zu.

Geschehnisse, die tatsächlichen Schmerz oder tatsächlichen Verlust enthalten, aktivieren also auch den reaktive Verstand. Eine Person wird bei einer solchen Restimulation offen für eine negative Auslegung des Geschehens. Der Schockimpuls überlagert den analytischen Verstand. Mit anderen Worten, wenn die gegenwärtige Situation einem Geschehnis ähnelt, das eine wirkliche Bedrohung für das «Überleben» war, vermindert sich die Leistung des analytischen Verstands, und der reaktive Verstand zwingt dem Individuum ein bestimmtes Verhaltensmuster auf. Je mehr Ähnlichkeiten zu solchen Geschehnissen auftreten, desto heftiger ist die Restimulation.

Der reaktive Verstand ist nicht zur Unterscheidungen fähig. Er ist ausschliesslich in der Lage, auf momentane Situationen von Leid oder Gefahr zu reagieren.

Bei jeder Verletzung und besonders bei stärkerer Bewusstlosigkeit zeichnet der reaktive Verstand das Geschehnis sorgfältig auf, mit allen dazu gehörenden Wahrnehmungen wie gesprochene Worte, Gerüche und Empfindungen. Ähneln auch nur einige wenige Dinge in der Gegenwart jenen damaliger Geschehnisse, werden diese aktiviert. Dem Individuum wird suggeriert, dass es sich in Bedrohung befindet, oder einer Leid-Erfahrung nähert.

Alle unerklärlichen Ängste, alle Zwänge, Hemmungen und unerwünschten Gefühle stammen aus dem reaktiven Verstand. Er ist möglicherweise sogar für das Vorhandensein von psychosomatischen Krankheiten verantwortlich. Die Art und Weise, wie sich traumatische Geschehnisse auf eine Person auswirken, ist sehr unterschiedlich und von verschiedenen Faktoren abhängig:


• Tiefe der Bewusstlosigkeit. In Vollnarkose ist der reaktive Verstand wesentlich empfänglicher für Suggestionen als in einer Schrecksekunde oder bei einer kleinen Verletzung.

• Die Stärke des Individuums. Ein Mensch, der aktiv im Leben steht, wird weniger vom reaktiven Verstand beeinflusst werden, er hat mehr Widerstandskraft

• Der momentane Zustand des Individuums. Wer körperlich müde oder anderweitig geschwächt ist, wird anfälliger sein für jede Art von negativer Beeinflussung.

• Frühere, ähnliche Erlebnisse, die sich zu dem späteren Geschehnis hinzuaddieren und weiteres reaktives Material enthalten, erhöhen die Wirkung oder potenzieren sie sogar.

Es gibt darüber hinaus noch Faktoren im Leben, die den Zugriff des reaktiven Verstandes auf Ihr Leben und Ihre Entscheidungsfähigkeit noch verstärken können:

•Eine bedrohliche Umgebung

•Minderwertige Nahrung durch einen Mangel an Vitaminen, Mineralien sowie das Vernachlässigen des Körpers

•Übermäßiger Alkoholkonsum

•Drogen

•Zu wenig körperliche Bewegung

•Dauernde Beschäftigung mit deprimierenden oder destruktiven Dingen

•Übermäßiges Fernsehen

•Körperliche Krankheiten

•Ständige Konflikte mit Freunden, Verwandten und Bekannten

•Allgemeine Passivität im Leben

•Kein Verfolgen von eigenen Zielen

• Das Fehlen guter Freunde

•Eine negative, pessimistische Lebenseinstellung